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Leitfäden·7 Min. Lesezeit·

Industrielle Prüfzeugnisse: Ein vollständiges Nachschlagewerk für QS-Teams

Industrielle Prüfzeugnisse sind formale Dokumente, die die Ergebnisse von Material-, Prozess- oder Bauteilverifizierungsprüfungen erfassen. Sie begleiten Waren durch die Lieferkette und dienen als rechtlich verwertbare Nachweise, dass ein Produkt die anwendbare Spezifikation oder Regelwerksanforderung erfüllt.

Diese Referenz deckt die häufigsten Zeugnistypen ab, die in der Metallverarbeitung, bei Druckgeräten, Rohrleitungen, im Schweißbereich und in der industriellen Chemielieferung anzutreffen sind.

Kurze Antwort

Quick Answer

Industrielle Prüfzeugnisse sind Dokumente, die von Werken, Prüflabors oder Herstellern ausgestellt werden, um nachzuweisen, dass ein Material, eine Schweißnaht, ein Bauteil oder ein Prozess eine definierte Spezifikation erfüllt hat. Die häufigsten Typen sind Werkstoffprüfzeugnisse (MTC), Konformitätszeugnisse (CoC), Analysezeugnisse (CoA), Schweißerprüfungen (WPQ), ZfP-Berichte und Wasserdruckprüfungsaufzeichnungen.


Warum industrielle Prüfzeugnisse wichtig sind

Zeugnisse sind kein optionaler Papierkram. In den meisten Branchen sind sie vorgeschrieben durch:

  • Druckgeräterichtlinien (ASME BPVC, EU PED 2014/68/EU)
  • Rohrleitungsregelwerke (API 5L, ASME B31.3)
  • Konstruktionsregelwerke (AWS D1.1, EN 1090)
  • Beschaffungsverträge, die ASTM-, ISO- oder EN-Normen referenzieren
  • Regulierungsbehörden wie Lloyd's Register, Bureau Veritas, TÜV oder NABL-akkreditierte Labors

Ohne die richtigen Zeugnisse kann Ausrüstung nicht in Betrieb genommen werden, Waren können keine Grenzen überqueren und Versicherungsansprüche können erlöschen.


Kategorie 1: Werkstoffprüfzeugnisse (MTC)

Ein Werkstoffprüfzeugnis (auch Material Test Report, MTR genannt) wird vom Materialhersteller — nicht von einem Drittlabor — ausgestellt und dokumentiert die tatsächliche chemische Zusammensetzung und mechanischen Prüfergebnisse einer bestimmten Schmelze oder Charge.

Geregelt durch: EN 10204, ASTM A6, ASTM A20, API 5L Annex A
EN 10204-Dokumententypen:

TypWer prüftWer zertifiziert
2.1HerstellerHersteller (nur Erklärung)
2.2HerstellerHersteller (spezifische Prüfdaten)
3.1HerstellerAutorisierter Inspektor des Herstellers
3.2Hersteller + DritteSowohl autorisierter als auch unabhängiger Inspektor

Wann 3.2 erforderlich ist: Kerntechnik, Unterwasser-, Sauergaseinsatz-, kryogene Anwendungen und jeder Vertrag, der ausdrücklich eine Drittparteiverifikation verlangt.

Schlüsselfelder: Schmelzen-/Chargennummer, Produktform, Abmessungen, Wärmebehandlungszustand, chemische Analyse (Schmelze + Erzeugnis), Zugfestigkeit, Streckgrenze, Dehnung, Charpy (falls spezifiziert), Härte (falls spezifiziert), anwendbare Norm, Unterschrift des Prüfers.


Kategorie 2: Konformitätszeugnis (CoC)

Ein Konformitätszeugnis ist eine Erklärung — kein Prüfdatensatz —, dass ein Produkt die angegebene Spezifikation erfüllt. Es sind keine Prüfdaten beigefügt. Es entspricht dem EN 10204 Typ 2.1.

Wann akzeptabel: kommerzielle Fittings, standardmäßige Hardware, Verbrauchsmaterialien beschafft nach einer gut etablierten Norm, bei der das QMS des Herstellers ausreichende Gewissheit bietet.

Wann nicht akzeptabel: drucktragende Materialien in der ASME-Regelwerkskonstruktion, Materialien für kryogene Anwendungen oder jeder Vertrag, der tatsächliche Prüfdaten erfordert.


Kategorie 3: Analysezeugnis (CoA)

Ein Analysezeugnis dokumentiert tatsächliche Prüfergebnisse gegen eine Spezifikation — ähnlich einem MTC, aber typischerweise für verarbeitete Materialien, Beschichtungen und Sondermetalle verwendet, bei denen chemische Zusammensetzung und Reinheit von einem unabhängigen Labor statt vom Werk verifiziert werden.

Schlüsselfelder: Material-/Produktidentifikation, Chargen-/Losnummer, Prüfdatum, individuelle Prüfergebnisse je Analyt oder Eigenschaft, Bestehen/Nichtbestehen gegen Spezifikationsgrenzwerte, Laborakkreditierungsverweis, QS-Freigabeunterschrift.

CoA-Zeugnisse werden häufig für Sonderlegierungen, oberflächenbehandelte Metalle und Materialien verlangt, die an pharmazeutische oder Luft- und Raumfahrthersteller geliefert werden, wo die Rückverfolgbarkeit zu einer geprüften Charge obligatorisch ist.


Kategorie 4: Schweißqualifizierungszeugnisse

Die Schweißqualifizierung erzeugt zwei unterschiedliche Dokumenttypen, die häufig verwechselt werden:

Verfahrensprüfungsprotokoll (PQR)

Das PQR erfasst die tatsächlichen Schweißparameter, die bei der Herstellung eines Qualifizierungsprüfstücks verwendet wurden, und die zerstörenden Prüfergebnisse aus diesem Prüfstück. Es ist die sachliche Grundlage, auf der eine Schweißanweisung (WPS) gestützt wird.

  • Geregelt durch ASME Section IX, AWS D1.1, ISO 15614-1, EN 15614
  • Muss von einem Certified Welding Inspector (CWI) oder Äquivalent unterzeichnet werden
  • Ausführlicher Leitfaden: Verfahrensprüfungsprotokoll (PQR)

Schweißerprüfungszeugnis (WPQ)

Das WPQ — manchmal auch Schweißerqualifizierungszeugnis (WQC) genannt — zertifiziert die Fähigkeit eines einzelnen Schweißers, nach einem qualifizierten Verfahren einwandfreie Schweißnähte herzustellen.

  • Gültigkeit: 6 Monate ohne Kontinuitätsnachweise gemäß ASME IX; unbegrenzt mit 6-monatigen Kontinuitätsnachweisen
  • Ausführlicher Leitfaden: Schweißerprüfungszeugnis (WPQ)

Kategorie 5: Berichte zur zerstörungsfreien Prüfung (ZfP)

ZfP-Berichte dokumentieren die Ergebnisse von Untersuchungen, die ohne Zerstörung des Bauteils durchgeführt wurden. Jede Methode erzeugt einen eigenen Berichtstyp:

MethodeAbkürzungErkennt
UltraschallprüfungUTInnere Fehler, Wanddicke
Radiografische PrüfungRTInnere Hohlräume, Einschlüsse
MagnetpulverprüfungMTOberflächen- und oberflächennahe Risse (nur ferromagnetisch)
EindringprüfungPTOberflächenoffene Unregelmäßigkeiten
Phased Array UltraschallPAUTInnere Fehler mit höherer Auflösung als konventionelles UT
WirbelstromprüfungETOberflächen- und oberflächennahe Fehler, Rohrprüfung

Pflichtfelder: Verfahrensnummer und Revision, Technik, Gerätekalibrierungsprotokoll, Qualifikation des Prüfpersonals (ASNT SNT-TC-1A Stufe II oder III), Anzeigenplan, Verweis auf Abnahmekriterien, endgültige Disposition (Annehmen/Ablehnen).

Ausführlicher Leitfaden: ZfP-Prüfberichte


Kategorie 6: Druck- und Leckageprüfzeugnisse

Hydrostatisches Prüfzeugnis

Dokumentiert die Ergebnisse der Druckprüfung eines Behälters, einer Rohrleitung oder eines Fittings mit Wasser (oder einer anderen Flüssigkeit) bei 1,3–1,5-fachem MAWP. Vor dem Verlassen des Herstellers erforderlich gemäß ASME BPVC Section VIII, EN 13480 und PED.

Ausführlicher Leitfaden: Hydrostatisches Prüfzeugnis

Pneumatisches Prüfzeugnis

Wird verwendet, wenn eine hydrostatische Prüfung nicht praktikabel ist (Gewicht, Bedenken wegen Restwasser). Prüfdruck ist typischerweise niedriger (1,1-facher MAWP). Erfordert zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen.


Kategorie 7: Wärmebehandlungszeugnisse

PWHT-Zeugnis (Spannungsarmglühzeugnis)

Dokumentiert das Zeit-Temperatur-Diagramm aus dem Wärmebehandlungsofen oder Widerstandsheizsystem. ASME BPVC und EN 13445 schreiben obligatorisches PWHT für bestimmte Werkstoff-Dicken-Kombinationen vor.

Ausführlicher Leitfaden: PWHT-Zeugnis

Normalisierungs-/Glühungsaufzeichnungen

Werksseitige Wärmebehandlungszeugnisse sind typischerweise im MTC enthalten. Für herstellerseitig aufgebrachte Wärmebehandlungen ist eine separate Zeit-Temperatur-Aufzeichnung erforderlich.


Kategorie 8: Maß- und Oberflächenprüfberichte

Maßprüfbericht: Dokumentiert tatsächliche Messungen gegen Zeichnungstoleranzen — Außendurchmesser, Wanddicke, Länge, Geradheit, Schweißnahtvorbereitung. Erforderlich für die Erstmusterprüfung (FAI) und ITP-Haltepunkte.

Oberflächenbehandlungszeugnis: Dokumentiert Beschichtungsanwendung, Beizen, Passivierung oder Strahloperationen. Muss die anwendbare Spezifikation (NACE SP0188, ISO 8501-1) referenzieren und Schichtdickenmessungen, Fehlstellenprüfergebnisse und Umweltbedingungen aufzeichnen.

Ausführliche Leitfäden: Maßprüfbericht | Oberflächenbehandlungszeugnis


Kategorie 9: Positive Materialidentifikation (PMI)

PMI ist eine Feldverifizierungstechnik — XRF oder OES —, die bestätigt, dass die Legierungszusammensetzung installierter Komponenten dem spezifizierten Material entspricht. Kein Ersatz für ein MTC, aber eine Prüfung gegen Verwechslungsfehler.

Ausführlicher Leitfaden: Positive Materialidentifikation (PMI)


Wahl des richtigen Zeugnisses

SituationErforderliches Zeugnis
Beschaffung von ASTM A516-DruckbehälterblechEN 10204 3.1 MTC mindestens; 3.2 wenn Regelwerk oder Vertrag es verlangt
Qualifizierung eines neuen SchweißverfahrensPQR + neue WPS
Zertifizierung eines Schweißers nach einer genehmigten WPSWPQ
Freigabe eines Druckbehälters aus der FertigungshalleHydrostatisches Prüfzeugnis + ZfP-Berichte + MTCs für alle PMCs
Lieferung industrieller StickstoffzylinderCoA mit Reinheitsanalyse
Verifizierung der Legierung in einem vorhandenen RohrspoolPMI-Bericht

Digitales Zeugnismanagement

Papierzeugnisse bergen Risiken: Fehlab­lage, unleserliche Scans, unterbrochene Rückverfolgbarkeitsketten. Moderne Fertigungsbetriebe verwenden Dokumentenmanagementsysteme — wie TestCert —, um jedes Zeugnis mit der Schmelzennummer, Schweißnaht oder dem abgedeckten Bauteil zu verknüpfen, digitale Signaturen anzuwenden und durch Regelwerk vorgeschriebene Aufbewahrungsfristen durchzusetzen.

Aufbewahrungsanforderungen reichen von 3 Jahren für routinemäßige Maßaufzeichnungen bis zu 25+ Jahren für konstruktive und druckgerätebetreffende Zeugnisse gemäß ASME- und EN-Vorschriften.


Was ist der Unterschied zwischen einem MTC und einem CoC?

Ein MTC (Werkstoffprüfzeugnis) enthält tatsächliche Prüfdaten — chemische Zusammensetzungswerte und mechanische Prüfergebnisse — für die spezifische Materialcharge. Ein CoC (Konformitätszeugnis) ist eine Erklärung, dass das Produkt die Spezifikation erfüllt, enthält aber keine Prüfdaten. EN 10204 definiert vier Dokumententypen, die beide abdecken.

Wer kann ein industrielles Prüfzeugnis ausstellen?

Der Aussteller hängt vom Dokumententyp ab. MTCs werden vom Materialhersteller ausgestellt. Drittprüfinstanzen (Lloyd's, Bureau Veritas, TÜV) unterzeichnen EN 10204 3.2-Zeugnisse mit. ZfP-Berichte werden von qualifiziertem ZfP-Personal (ASNT Stufe II/III) ausgestellt. PQRs werden von einem CWI oder autorisierten Schweißfachmann zertifiziert.

Wie lange müssen industrielle Prüfzeugnisse aufbewahrt werden?

Aufbewahrungsanforderungen variieren je nach Anwendung. ASME BPVC verlangt, dass Hersteller Qualitätsaufzeichnungen für die Lebensdauer der Ausrüstung aufbewahren. EN 13480-5 schreibt mindestens 10 Jahre vor. Konstruktionsstahl nach EN 1090 erfordert mindestens 10 Jahre. Kerntechnische und Unterwasseranwendungen verlangen typischerweise 40+ Jahre. Prüfen Sie stets das anwendbare Regelwerk und den Vertrag.

Können digitale Zeugnisse papiergebundene Originale ersetzen?

In den meisten Rechtssystemen sind digital signierte Zeugnisse (unter Verwendung qualifizierter elektronischer Signaturen gemäß eIDAS in Europa oder Äquivalent) rechtlich gleichwertig zu Papieroriginalen. Die Schlüsselanforderung ist Integrität — das Dokument muss manipulationssicher und zum Unterzeichner rückverfolgbar sein.

Was passiert, wenn ein Zeugnis fehlt oder falsch ist?

Fehlende oder falsche Zeugnisse sind eine Nichtkonformität, die typischerweise einen Material Review Board (MRB)-Prozess auslöst. Optionen umfassen das Einholen von Ersatzdokumentation vom Originalhersteller, die Durchführung zusätzlicher Tests (PMI, mechanische Neuprüfung) zur erneuten Zertifizierung des Materials oder die Ablehnung des Materials. Bei der Regelwerkskonstruktion ist die Verwendung von Material ohne erforderliche Zeugnisse ein Regelwerksverstoß.

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